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Filmkritik Corpus Christi

Fraglos gehört zu den sehenswertesten Filmen des so erstaunlich verlaufenden Kinojahres 2020 das polnische Filmdrama Corpus Christi – das für den Auslandsoscar nominierte Werk von Regisseur Jan Komasa ist in seiner stringenten Erzählung über Schuld, Sühne, falsche Priester und Vergebung so überzeugend wie atemberaubend. Die Geschichte ist nicht nur glänzend inszeniert und fesselnd gespielt, sondern wühlt Intellekt wie Gefühl gleichermaßen auf.

Corpus Christi ist dabei wendungsreich und kategorisch ambivalent. Das rein Gute gibt es hier nicht – das rein Böse auch nicht. Und das, obwohl sämtliches Personal des Films entweder ernsthaft bestrebt oder von sich überzeugt ist, auf der guten Seite zu sein, auch wenn so viel Böses in jedem steckt. Das lässt niemanden kalt, das geht zu Herzen.

Corpus Christi ist in der Darstellung der Ambivalenz fulminant. Der Film spiegelt das Gute im Bösen und das Böse im Guten als gleichberechtigt nebeneinander, und macht den Irrtum einer Trennung beider Gegensätze deutlich. In starken, oftmals aufwühlenden Szenen blickt Corpus Christi in das Menschsein mit all seinen scheinbaren Widersprüchen. 

Was heißt es schon, gut zu sein oder böse? Was macht einen Menschen dazu? Die Frage beantwortet Corpus Christi auf die einzig richtige Weise: Die Menschlichkeit an sich. 

Für den Zuschauer ist es einfach, für beide Seiten Für und Wider zu finden. Jede Person hat hier eine eigene nachvollziehbare Motivation, die Dinge zu tun, die sie tut und empfindet. Dabei wird deutlich, wie sehr soziale Umfelder den einzelnen Menschen prägen, wie hilflos das einzelne Individuum häufig dabei ist, wie es geformt wird. 

Da ist unsere Hauptperson Daniel, der mit seinen 20 Jahren seine Knastkarriere bereits hinter sich hat und, quasi als Spätfolge seines initial bösen Tuns, ein guter Mensch wird und zu Gott findet. Doch das Priesteramt ist ihm verwehrt: Kein Priesterseminar wird einen Knasti in den eigenen Reihen aufnehmen.

Zum Priester wird er durch eine List in dem kleinen Ort, in dem er eigentlich seine Arbeit in einer Schreinerei aufnehmen soll. Stattdessen kommt dem ahnungslosen Ortspfarrer ein vermeintlicher Jungpriester als Unterstützung wie gerufen – als Daniel gar für den erkrankten Pfarrer einspringen muss, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Was hier auf der Leinwand geboten wird, ist Drama und Tragödie in Vollendung: Ruhig erzählt und dabei keine Sekunde langweilig. Keine Einstellung ist zu viel, keine Geste, kein Blick und kein Wort unpassend. Mitreißend.

Der geläuterte Daniel bringt ordentlich Schwung in den kleinen Ort, der vor Trauer gelähmt ist, denn bei einem Autounfall sind sechs junge Menschen umgekommen. Daniel schafft es, Zugang zu den guten Menschen des Dorfes zu bekommen und ihrem Schmerz Ausdruck zu geben. 

Gute Menschen? Bei aller Gottesfurcht haben sie sich in ihrem Hass gegen die Witwe des Fahrers gewendet, der den Unfall verursacht hat – und schrecken auch vor »Hure«-Graffitis auf ihrer Hauswand nicht zurück. Ob Trauer oder Schicksal: Daniel hat eine hasszerfressene Gemeinschaft vor sich.

Und dann ist da natürlich die verbitterte Witwe selbst, die wie eine Ausgestoßene am Ortsrand lebt sowie die junge Frau, in die Daniel sich verliebt …

Mit jeder Szene werden wir also tiefer in den Mikrokosmos dieses Dorfes hineingezogen, für den der Film schnörkellose und damit so überzeugende Bilder findet. Uns sind alle Figuren jede Minute in ihrer Glaubwürdigkeit nahe. Wir fiebern mit, wir sind hin- und hergerissen, und genau das will der Film. Aufwühlen und von unserem gemeinsamen inneren Selbst erzählen.

Diesen Film muss man gesehen haben.

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