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Filmkritik »Tagebuch eines Skandals«

Tragödien kennen nur Verlierer – und so ist schon zu Beginn von Tagebuch eines Skandals klar, dass alles in der Katastrophe enden wird. Regisseur Richard Eyre bleibt auch in Inszenierung und Erzählstruktur der klassischen Tragödie treu, während der Zuschauer immer gebannter die Spirale des Unheils verfolgt. Dabei bleibt die Kamera stets dicht an den Personen, nah am Geschehen, ohne Füllmaterial. Die begrenzten Räume, in denen die Erzählung erzählt wird, passen leicht auf eine Theaterbühne. Das ist von atemloser Spannung, hochdramatisch – und absolut menschlich. Denn jede der Figuren behält ihre Würde, nicht nur trotz, sondern wegen ihrer Verfehlungen und Schwächen. Tagebuch eines Skandals ist ein Hochamt der Dramatik und der Schauspielkunst. Was die beiden Grande Dames des britischen Kinos und Oscar-Preisträgerinnen Cate Blanchett und Judy Dench hier auf der Leinwand zeigen, ist schlichtweg atemberaubend. 

Regisseur Richard Eyre bleibt seiner Herkunft als gefeierter und ausgezeichneter Theaterregisseur auch in Tagebuch eines Skandals treu. Das ist gut so. Er nimmt sich der auf einer wahren Begebenheit beruhenden Romanvorlage Tagebuch einer Verführung von Zoë Heller mit viel Fingerspitzengefühl an. Er braucht nicht einmal 90 Minuten, um Figuren zu zeichnen und ihre tragische Fallhöhe aus einem sicheren Leben in einen Scherbenhaufen mitreißend nachzuzeichnen:

Da ist die alternde, vereinsamte Lehrerin Barbara, deren Stimme aus dem Off vom Start weg den Ton angibt. Ihre Wertung über die neue Lehrerin Sheba (Clate Blanchett) lässt von vornherein keinen Zweifel daran, dass mit Barbara etwas nicht stimmen kann. Wir Zuschauer wissen das, im Gegensatz zu Barbara selbst und vor allem ihrer jüngeren Kollegin. Dieser Erzählstimme kommt besondere Bedeutung zu. Denn sie gibt Einblick in die tragische Begrenztheit von Barbara. Es ist tragisch zu wissen, wie sehr Barbara in ihren Ansichten irrt und wie verloren sie im Grunde trotz all ihrer Umtriebe ist. Barbaras Erzählstimme lässt uns die Welt so sehen, wie sie sich ihr durch ihre Augen darstellt, während der Film uns zeigt, wie die Welt wirklich ist. Das erzeugt schon in den ersten Momenten des Films Bedrohung – aber eine, die nicht nur von ihr ausgeht, sondern die sie auch für sich selbst ist.

Da ist die jüngere Sheba, die als neue Lehrerin in ihren 30ern eine sexuelle Affäre mit einem 15-jährigen Schüler beginnt. Wir erleben das durch die Augen Barbaras, die die beiden beobachtet und ihre Chance wittert. Sheba tappt in die Falle: Nachdem Barbara sie darüber aufgeklärt hat, sie gesehen zu haben, ist sie heilfroh, dass ihre ältere Mentorin verspricht, die Sache für sich zu behalten. Nicht ahnend, dass Barbaras Fixierung auf sie nun erst recht manische Züge annimmt. 

Die listige alte Dame und die junge, unbedarfte Frau mit zwei Kindern und einem deutlich älteren Ehemann haben dabei eine Gemeinsamkeit: Die sexuelle Begierde. Denn nicht nur Sheba verfällt der Lust auf einen Minderjährigen, die sie geheim halten muss – auch Barbara verdeckt ihre lesbischen Neigungen gegenüber Sheba. Diese Gemeinsamkeit endet letztlich in einem Vulkanausbruch.

Tagebuch eines Skandals erzeugt dadurch beinahe nervenzerfetzende Spannung, die bis zum Schluss anhält.

Tagebuch eines Skandals gleitet dabei nie in Stereotypen ab und verschenkt keine Sekunde an oberflächliche Dramatik. Hier werden lesbische oder überhaupt homosexuelle Menschen nicht als gestört gebrandmarkt, hier gibt es keine Sekunde Ansätze, Minderheiten einen Stempel aufzurücken. Die genauen Gründe für Barbaras Störung lässt der Film im Dunkeln, und natürlich lässt sich darüber spekulieren, ob sie früh gelernt hat, ihre Neigung vor einer restriktiven Gesellschaft geheimzuhalten, in der sie in der 60ern, 70ern, 80ern aufgewachsen ist. Natürlich ist die Frage erlaubt, ob ihre gestörte Psyche aus einer daraus folgenden Einsamkeit resultieren mag. Dann ginge es mehr um die zerstörerischen Anlagen einer intoleranten Gesellschaft, die Menschen zum Schweigen und zur Selbstverleugnung verdammt. 

Obwohl Sheba mit ihrer sexuellen Beziehung zu einem 15-Jährigen eine Straftat begeht, stellt der Film ganz andere Fragen: Warum passieren Dinge? Warum tut man Dinge? Welche Auswirkungen haben sie? Auch hier ähneln sich die zu Gegnerinnen gewordenen Frauen: Als Sheba ihrem Mann zu erklären versucht, warum sie es getan hat und wie es dazu nur hat kommen können, fällt ihr keine andere Antwort ein als: »Ich weiß es nicht!«

Das würde wohl auch Barbara auf die Frage antworten, was sie zu ihren Ansichten und Taten treibt.

Am Ende stehen zwei Menschen da, die beide Fehler haben und schlimme Fehler begehen. Nicht obwohl sie Menschen sind, sondern weil sie Menschen sind. Natürlich entschuldigt das in letzter Instanz keine ihrer Taten auf streng moralischer Seite. Aber ein Rest von Verständnis für ihre Menschlichkeit mit all ihren Schwächen bleibt – denn wann haben wir selbst einmal etwas getan oder zumindest gedacht, was wir nie hätten tun sollen? Im Grunde ist Tagebuch eines Skandals schon deshalb so mitreißend, weil er den Zuschauern selbst die Frage stellt.

Getragen wird dieses hochspannende Bravourstück von dem treibenden Soundtrack von Altmeister Philipp Glass. Seine Musik geht fast als dritte Hauptperson durch. Man erkennt seine Handschrift der Minimal Music bereits nach den ersten Akkorden. Glass Musik ist nahendes Gewitter, Donnergrollen, zerfetzende Nerven, Anspannung. Es ist unglaublich, mit wie viel Wucht und Dynamik sein Score den Film ins Verderben trägt. Seine gewohnt pochenden, schwelenden Melodien erhöhen die Spannung des Films enorm, und wenn im Film die Wahrheiten mit einem Paukenschlag offenbart werden, liefert Glass tatsächlich Pauken wie in einer großen Oper.

Es ist kein Wunder, dass es Oscar-Nominierungen für beide Hauptdarstellerinnen, Philipp Glass und Patrick Marber für das beste adaptierte Drehbuch sowie Golden-Globe-Nominierungen für Drehbuch und beide Hauptdarstellerinnen gab.

Kalt lässt Tagebuch eines Skandals sicher niemanden. 

Tagebuch eines Skandals – OT: Notes on a Scandal – GB 2006 – 92 Minuten – Regie: Richard Eyre – Mit: Cate Blanchett, Judy Dench, Andrew Simpson, Bill Nighy

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