Filmkritik: Dunkirk

Zu Beginn des Filmes hole man tief Luft. Die kommenden 107 Minuten des maßstäbesetzenden Meisterwerks Dunkirk wird man keine Gelegenheit mehr dazu haben. Was Star-Regisseur Christopher Nolan mit seinem kürzesten Film gelingt, ist das intensivste Werk, das er je gemacht hat. Mit Dunkirk definiert er den Kriegsfilm neu. Nicht weniger als ein Meisterwerk hat man von Christopher Nolan erwartet. Statt einfach zu liefern, hat er alle Erwartungen übertroffen. Dunkirk ist Kino in höchster Vollendung.

Keine Vorgeschichte, keine Hintergründe, keine Abschweifungen. Personen werden durch ihre Handlungen eingeführt und charakterisiert, von den meisten kennen wir nicht einmal den Namen. Hier geht es in schaurig-hypnotischen Bildern, die ihresgleichen suchen, ums Überleben in drei Facetten. Mit drei ineinandergreifenden Handlungssträngen und eindrucksvoll minimalistischer Story gelingt Nolan mit Dunkirk außerdem eine ebenso einfache wie komplexe Erzählstruktur, die den Zuschauer so gnadenlos wie effektiv mitten ins Geschehen reißt und zu einer intensiven Filmerfahrung macht, die man nicht mehr vergessen wird.

Da ist der junge britische Soldat, der sich zu den 400.000 anderen Soldaten an den Strand von Dünkirchen gesellt, um mit einem Verletzten auf ein Schiff zu gelangen. Dieser Hauptstrang, der den Titel „Die Mole“ trägt, zeigt die Geschehnisse einer Woche. Der schweigsame Soldat versucht immer weiter, sich durchzuschlagen, wird beschossen, bombardiert, versenkt – er will nichts als überleben. Es wird wenig gesprochen in diesem atemlosen Strang, der den Terror des Krieges zeigt wie kein ein anderer Film vor ihm. Wenig Dialog, dafür Bilder, die sich einbrennen.

Da ist der britische Vater, der sich mit seinem Sohn und dessen Freund aufmacht, mit seinem Privatboot Soldaten aus Dünkirchen zu retten. Dieser Erzählstrang heißt „Die See“ und zeigt das Leben eines Tages. Es wird geredet, heldenhaft versucht, zu helfen, hier wird sich in Gefahr gebracht. Das Grauen kommt näher, je tiefer sie in den Krieg einsteigen, unterlegen und schutzlos. Hier schlägt das moralische Herz des Films und der emotionale Anker der Geschichte.

Da ist der Kampfpilot, der im Erzählstrang „Die Luft“ in die Rettung eingreift. Tom Hardy spricht 10 Zeilen und ist zum Großteil von seiner Maske bedeckt. Die Bilder aus der Luft sind spektakulär, die Schwierigkeit und die Gefahr des Luftkampfes sind jederzeit erlebbar. Auch hier braucht es kaum Worte, denn die Bilder sprechen für sich. Von oben sieht man das Ausmaß der Zerstörung und des Todes, die in „Die Mole“ so direkt auf den Zuschauer einprasseln. Was hier geschieht, vollzieht sich in einer einzigen Stunde.

Nolan betrieb für Dunkirk unglaublichen Aufwand:. Alle Schiffe und Boote im Film sind tatsächlich echt – in Zeiten allgegenwärtigen CGI’s eine Sensation angesichts der Masse und der Größe der gezeigten Schiffe. Noch nie waren in einem Film mehr Schiffe zu sehen als in Dunkirk.

Erneut drehte er mit 65/70mm-IMAX-Film, über 70 % des Films sind in diesem Format zu sehen, um so viel Authentizität wie möglich zu erreichen.

Der Aufwand lohnt sich: Es ist unglaublich, was man in Dunkirk zu sehen bekommt. Der schweißtreibender wie hypnotischer Realismus hebt Dunkirk aus allen Filmen des Jahres 2017 heraus.

Einer der Stars von Dunkirk ist erneut der Soundtrack von Hans Zimmer. Sein atmosphärischer Score untermalt weite Strecken des Films und ist der effektive Treiber der Geschichte. Sekundenzeiger, Herzschläge und Sirenen pulsieren da aus den Boxen, so hart und überfallartig wie ein Angriff. Es ist schwer, den Soundtrack ohne Film zu hören, so maßgeschneidert ist er Teil der spektakulären Klangkulisse, die einen immer wieder zusammenfahren lässt. Bild und Sound sind eine Einheit, deren Sogwirkung nicht nachlässt.

Fionn Whitehead gibt mit seiner Rolle als schweigsamer britischer Soldat sein beeindruckendes Filmdebüt. Man sollte den jungen Mann im Auge behalten – seinen filmischen Einstand gibt zudem Mädchenschwarm Harry Styles von der Boyband One Direction. Der Kerl hat Potenzial, soviel ist sicher.

Die beiden jungen Filmneulinge müssen sich nicht hinter ihren erfahrenen Kollegen zu verstecken wie Oscar-Preisträger Mark Rylance,2 Kenneth Branagh, James D’Arcy oder Tom Hardy.

Dunkirk hat sich nicht nur als kassenträchtiger Hit herausgestellt, sondern dürfte auch bei den kommenden Oscar-Nominierungen ein Hit werden: Dass er in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera, Beste Musik, Bester Ton und Bester Schnitt mindestens nominiert wird, dürfte als ausgemacht gelten. Verdient hat er es.

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