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Filmkritik Kirschblüten – Hanami

Es ist ein stilles, aber wertvolles Filmjuwel, das Doris Dörrie mit Kirschblüten – Hanami der Filmwelt geschenkt hat. Ein Film über Beziehung und Leben. Ein Film über Aneignung. Eine tiefe Verneigung vor der japanischen Kultur, die im Film nicht nur in der Kirschblüte zum Ausdruck kommt, sondern in besonderer Weise im japanischen Ausdruckstanz Butoh. Kirschblüten – Hanami ist einer dieser Filme, die in einer Einstellung mehr zu sagen hat als manche Serienstaffeln. 

Wie Dörrie das macht? 

Mit Poesie und poetischen Mitteln, die den Film zu einem bewegenden Kunstwerk machen.

Aber der Reihe nach.

Kunstvoll webt Dörrie eine vielschichtige Geschichte über persönliche Entwicklung und Überwindung. Das Ehepaar Trudi und Rudi (Hannelore Elsner und Elmar Wepper) lebt seit Jahrzehnten in der bayrischen Provinz ein Leben, in dem vor allem Trudi das Nachsehen hat: Sie hat ihre Träume für ihren Mann Rudi und die gemeinsame Familie aufgegeben. Dabei ist gerade ihre Leidenschaft für Butoh sowie ihre Schwärmerei für den Fujiyama von besonderem Interesse. 

Doch Dörrie begnügt sich nicht damit, Trudis Schicksal als Aufhänger für eine simple Geschlechterrollen-Gesichte zu verwenden. Das ist nur eine der zahllosen Überraschungen und Wendungen, mit denen der Film aufwartet.

Das zeigt sich bereits in den Namen der Figuren: Trudi und Rudi. Beide trennt nur das T. Zwar stimmt es, dass Rudi in Trudis Leben vollends eingedrungen ist, dass sie hauptsächlich sein Leben lebt – aber das T deutet auch auf den alles entscheidenden Unterschied: Es gibt nach wie vor eine eigenständige Trudi, und sie hat sich ihr Leben mit Rudi aus Liebe ausgesucht. Ihre Beziehung ist geprägt von inniger Liebe Trudis, sie ist von Rudi im wahrsten Sinne des Wortes erfüllt. Dieser bedeutsame Umstand wird noch wichtig werden.

Trudis Schicksal liegt woanders: Gleich zu Beginn des Films erfährt sie, dass Rudi bald sterben wird, und dass sie mit ihm eine Reise unternehmen solle, solang noch Zeit ist – und beschließt, Rudis nahenden Tod für sich zu behalten.

Also  besucht Trudi mit Rudi die Kinder, die vor der elterlichen, patriarchal geprägten Enge nach Berlin geflüchtet sind. Eine peinliche wie unangenehme Veranstaltung, die auch für die Zuschauer nur schwer auszuhalten ist. Bewusst an Spießigkeit nicht zu überbieten, zeigt uns Dörrie in dieser ersten Hälfte des Films vor allem die eingeengte, begrenzte Welt der Spießerpersönlichkeit Rudi – und zwar durch Trudis Augen. Richtig so: Genau so muss es sein, um den Kontrast zu ermöglichen, wenn dem Film Flügel wachsen.

Wieder eine dieser Überraschungen im Film.

Sie zeigt auch Entfremdung und Unverständnis: Die erwachsenen Kinder lassen ihre Eltern nicht mehr in ihr Leben und geben ihnen nur noch das Allernötigste an Zeit und Zuwendung. Der Plan, den in Tokio lebenden Sohn Karl zu besuchen, mündet in einen Aufenthalt an der Ostsee.

Die größte Überraschung hält der Film jedoch für Rudi bereit: Während ihres Aufenthaltes an der Ostsee stirb Trudi unvermittelt – zurück bleibt ein Mann, der sich auf das Leben und das Schicksal keinen Reim mehr zu machen weiß. Seine Kinder machen ihm Vorwürfe, Trudi nie richtig gekannt und sich auch nie für sie interessiert zu haben. 

Rudi hat sein T verloren und beschließt das Unmögliche: Endlich nach Japan zu reisen, was er Trudi immer verwehrt hat, um dort nicht nur den Sohn Karl (Maximilian Brückner) zu besuchen, sondern auch sein T wieder zu finden und damit Trudi zu entdecken. Und sich selbst.

Ab jetzt wird Kirschblüten – Hanami zu einem wahren Wunder und es wird klar, warum die erste Hälfte des Films so wichtig ist. Wir sehen dem grantigen Rudi dabei zu, wie er über sich hinauswächst und seine Begrenztheit und Enge hinter sich lässt.

Dörrie findet dafür lyrische, zu Herzen gehende und wundervolle Momente ohne Violinenkitsch, die in ihrer reinen menschlichen Schönheit und symbolischen Kraft ohne Beispiel sind. Sie lässt Rudi in jedem Moment alle Würde, die er verdient, alles Verständnis, das seinem Charakter gebührt und zeigt und erzählt damit auch eine Geschichte über Dialektik und japanisches Denken, von dem man sich im Westen Scheiben im Dutzend abschneiden sollte. 

Haben wir in der ersten Hälfte Rudi durch die Augen Trudis kennengelernt, lernen wir auf wunderbar magische Weise in der zweiten Hälfte Trudi durch die Augen von Rudi kennen. Elmar Wepper in der Rolle seines Lebens zuzusehen, geht zu Herzen und macht große Freude. Wepper zeigt uns alle Facetten an Trauer, Verunsicherung, Angst, Verstehen und auch Freude. Allein seine Leistung zu sehen, ist eine Erfahrung für sich.

Als Rudi die junge Butoh-Tänzerin Yu (Aya Irizuki) kennenlernt, die in ihren Darbietungen mit ihrer verstorbenen Mutter telefoniert, kommt Rudi seiner verstorbenen Trudi so nah wie nie.

Dies sind diese zahlreichen Momente des Films, die in ihrer klaren Schönheit und unbedingten Menschlichkeit sprachlos machen und zutiefst berühren. 

Die zweite Hälfte versöhnt, was in der ersten als Zerwürfnis gezeigt wurde. Und erzählt von zwei tiefgreifenden Dingen: Vom Leben trotz aller Vergänglichkeit, und von dem Zauber des Moments. Die Kirschblüte steht in Japan für genau das. Rudi blüht in Japan förmlich auf, bevor es ihn mit Yu an den Sehnsuchtsort von Trudi verschlägt, dem Fujiyama. 

Und Butoh tanzt, diesem »Bruch mit der Rationalität der Moderne« (Wikipedia). Dieser Tanz ist Trudis Ausweg gewesen, und erst indem er ihn selbst tanzt, trifft er seine Trudi wieder.

Das ist Filmkunst in Vollendung, das ist wirklich großes Kino. 

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