Filmkritik: Le Mans 66

Die Frage ist berechtigt, was ein auf den ersten Blick aus der Zeit gefallener Film wie Le Mans 66 uns Heutigen sagen soll. Berechtigt deshalb, weil es doch scheinbar um so antiquierte, ja gar in letzter Zeit hitzig diskutierte Themen wie Männlichkeit und Autos geht – das Thema Autorennfilme ist an sich nur für eine überschaubare Zielgruppe wirklich sexy, und das, was auf den ersten Blick als „typischer Männerfilm“ erscheinen mag, kann leicht in unangenehme Klischees verfallen.

Das Wunder gleich vorweg: Le Mans 66 ist nichts von alledem, denn er erzählt geradezu meisterhaft die zeitlose Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und Respekt, als auch einen zeitgemäßen Diskurs über wirtschaftliche Hybris, Konkurrenz und Moral in der Geschäftswelt. 

Mit Matt Damon und Christian Bale als Hauptbesetzung brilliert der Film zudem mit einem der homogensten, charismatischsten Traumpaar der jüngeren Kinogeschichte und ist auch in jeder anderen Hinsicht erstklassiges Kino über Menschen und ihre Handlungen, ihre Kämpfe, Träume, Intrigen und Verluste. Das liebevoller Porträt zweier grundverschiedener Freunde mit einer gemeinsamen Leidenschaft gelingt feinfühlig, warmherzig und so humorvoll wie charmant. Hier sehen wir „best buddies“ inmitten aller Widrigkeiten, ohne platte Sprüche und dumpfem Machismo. Das hat universellen Charakter über alle Rollenmuster hinaus, zumal auch die Darstellung der Frauenfiguren erfreulich differenziert und modern gelingt.

Die 153 Minuten Laufzeit vergehen wie im Flug, zumal neben der hervorragenden Chemie der Charaktere auch die Rennszenen beeindrucken.

Der in den frühen 60er-Jahren wirtschaftlich marode US-Autobauer Ford versucht mit Hilfe des Ex-Rennfahrers Carroll Shelby (Matt Damon) und dessen genialen, aber schwierigen Freundes Ken Miles (Christian Bale) Rennautos zu entwickeln, die gegen Ferrari in Le Mans gewinnen können, um dadurch wieder zu wirtschaftlicher Stärke zu kommen. Der erste Versuch, den ebenfalls wirtschaftlich angeschlagenenen Konkurrenten Ferrari kurzerhand zu kaufen, misslingt, sodass es zum Wettrennen der Konkurrenten kommt. Dass Ford das Rennen am Ende tatsächlich gewinnt, ist nicht nur bekannte Tatsache, sondern auch gar nicht der springende Punkt – nein, dies ist kein Spoiler, denn der Film erzählt eine historisch verbürgte Geschichte mit historisch ebenso verbürgten Charakteren, wie eben auch die real stattgefundenen Ereignisse wie das legendäre Duell der Autobaue Ford und Ferrari. Dieser Wettkampf ist lediglich die Bühne für das eigentliche Schauspiel des Films: Wie entwickelt sich die Freundschaft zwischen Shelby und Miles vor dem Hintergrund, dass der eine als gewiefter Verkäufer und Redner seine Gegenüber charismatisch um den Finger wickeln kann, während der andere als schwieriger Charakter von Ford immer wieder aus dem Rennen geworfen werden soll? Nur so viel: Ford hat an diesem Film ausdrücklich nicht mitgewirkt. Kein Wunder, bedenkt man die Darstellung des aalglatten Intriganten Lee Beebe (Josh Lucas) und etwas, das an dieser Stelle nicht verraten werden darf. Die Darstellung des Ford-Konzerns gelingt ausdrücklich negativ, da hilft auch nicht differenzierte Ausarbeitung des Konzernbosses Henry Ford II. nichts, der immerhin noch das Vermächtnis seines Vaters und Firmengründers im Blick hat – denn die Porträtierung der ihm nachfolgenden Managerkaste ist Faustschlag genug.

So erzählt Le Mans 66 zudem von einer Zeit, in der Firmeninhaber noch Menschen waren, denen es um mehr ging. 
Genau hier gelingt Le Mans 66 ein Spagat: Obwohl in einer seit über 50 jahren vergangenen Zeit angesiedelt, sind die Implikationen darin ausgesprochen aktuell. Man kommt nicht umhin, bei den Autobossen und ihrem Konkurrenzdenken auf Teufel komm raus an heutige Konzerne zu denken, die auch jetzt noch nach ähnlichen Maßstäben funktionieren. Damals wie heute ging es um die Neudefinition des technisch Machbaren. Damals immerhin war der Antrieb der Kampfhähne ein anderer. Ford nutzte den technischen Wettkampf als Marketing-Maßnahme, um das Unternehmen durch einen Imagewandel aus der Krise zu führen. Heutigen Tech-Konzernen geht es nur noch um schiere Größe, maximalen Gewinn und Aktionäre. Vielleicht ist genau dies das Scharnier, die den BLick auf das Gebaren der Autobosse von damals versöhnlicher werden lässt. Es ging ihnen mehr ums Überleben statt um reine Gewinnorientierung. Und ja, in dieser Hinsicht ist der Film dann tatsächlich wohltuend aus der Zeit gefallen, zeigt er doch Zeiten mit anderen Werten. 

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