Filmkritik: Beautiful Boy

Die ergreifendsten Geschichten schreibt das Leben meist selbst, so auch in Beautiful Boy. Denn diese Geschichte ist wahr. Der flämsiche Regisseur Felix Van Groeningen, dessen Drama Broken Circle 2014 für den Oscar nominiert war, hat mit seinem US-Debüt einen Film vorgelegt, der in bester Hinsicht das Prädikat unaufgeregt verdient, was nicht zuletzt an der herausragenden schauspielerischen Leistung des jungen Talents Timothée Chalamet liegt. Beautiful Boy ist in keiner Weise rührselig, absolut frei von vordergründigen Klischees, sondern ist pures, ergreifendes Kino, das jederzeit eine differenzierte Sicht auf die Protagonisten und ihre Motivationen bewahrt – und nicht zuletzt Darsteller auf der Höhe ihrer Kunst zeigt. Nicht umsonst wurde Timothée Chalamet für seine außerordentliche Leistung gleich mehrfach für Auszeichnungen nominiert, unter anderem den Golden Globe, den BAFTA Award und Screen Actors Guild und gewann zahlreiche Filmpreise.

Beautiful Boy fesselt, weil hier eben keine allgemein gültigen Antworten gegeben werden auf das komplexe Thema Drogenabhängigkeit, in die jeder Betroffene auf individuelle Weise gerät. Es gibt einfach keine allumfassnde, allgemein gültige Antwort auf die wichtigste Frage nach dem Warum. Denn natürlich stellt der Vater David Sheff (Steve Carrell) seinem drogenabhängigem Sohn Nic Sheff ( Timothée Chalamet ) genau diese Frage immer und immer wieder. Der Vater ist damit der Anwalt der Zuschauer, und den ganzen Film über warten wir mit ihm gemeinsam auf die alles entscheidende Antwort. Die gottlob so nicht gegeben wird. Stattdessen zeigt der Film einen anderen, ungewohnten Blick auf Drogenabhängigkeit: Als Krankheit nämlich. Als Krankheit, deren Ursachen im Unklaren liegen, bei der man im Dunkeln tappt, die aber als Krankheit bezeichnet werden kann. 
Beeindruckend, mit wie viel Talent Chalamet seine Zerrissenheit porträtiert und begreiflich macht: Auch die von Drogenabhängigkeit Betroffenen haben selbst keine Antwort auf die Frage, warum sie an der Krankheit leiden.
Dieser Blickwinkel ist wichtig: Er zeigt uns, dass Drogenabhängigkeit Menschen befallen kann wie eine Grippe, Krebs oder andere Krankheiten gleich welcher Schwere. Er zeigt uns, dass der Kick, den die Betroffenen suchen, nicht der ultimative Grund ihrer Sucht ist, und dass auch sie darunter leiden. Die Darstellung des Teufelskreises von Sucht und Verdammung der Sucht gelingt eindrucksvoll, und das macht diesen Film auch abseits seiner großen filmischen Qualitäten so einzigartig und relevant.
Den Kampf von Vater und Sohn zu sehen, nimmt mit. Es ist ein Leiden ohne Kitsch, sondern unmittelbar, ehrlich und direkt, und in der Darstellung begeht Regisseur Felix Van Groeningen nicht den Fehler, mit Violinengeul auf die Tränendrüse zu drücken.

Erstaunlich ist zudem, wie überzeugend Steve Carrell, dem größeren Publikum durch Komödien wie Jungfrau (40) , männlich, sucht und The Office bekannt, sich erneut als Charakterdarsteller empfiehlt. Bereits in seinem beeindruckenden dramatischen Auftritt in Foxcatcher, der ihm gar eine Oscar-Nominierung einbrachte, machte er sein Talent mehr als deutlich. Nun gibt er den leidenden, sorgenden Vater derart überzeugend, dass es einem fast das Herz zerreißt.

Die Vorlage lieferte das Buch von David Sheff selbst, der seinen Kampf und den seines Sohnes in Buchform publizierte.

Beautifuil Boy lässt nicht kalt, und er ist gerade deshalb emotionale Arbeit, weil er mitten ins Zentrum des Menschseins trifft, mit all den Widersprüchen und Unklarheiten. Unbedingt sehenswert.

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