Filmkritik: Der Unsichtbare

Ist er da, der Unsichtbare, und wenn ja, dann wo und was wird er tun? Das Auge sucht die Leinwand nach Hinweisen auf die Bedrohung ab, in der  Cecilia (Elisabeth Moss) sich befindet. Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit – und damit ein unmittelbarer Terror, den wir mit der verfolgten Frau auf der Leinwand teilen.

Das Cinemascope-Bild zeigt viel von der Wohnung, in deren vier Wänden sich die Gefahr nahezu überall verstecken kann, bereit, loszuschlagen. Um dieses Maximum an Spannung zu erzeugen, ist in dem famosen wie abgrundtief fiesen Horrorthriller Der Unsichtbare nicht viel mehr nötig als die Reduzierung auf das Wesentliche: Eine Wohnung, eine hervorragende Schauspielerin, effektive Ausleuchtung, eine ruhige, fast teilnahmslose Kamera und nahezu völlige Stille.

Dieses Setting hält über eine Stunde der insgesamt 2 Filmstunden die Spannung auf einem Maximum, bevor der Film zum Finale hin die so effektiv genutzten engen Räume zugunsten steigernder Rasanz verlässt und dabei etwas von seiner Klasse einbüßt. Natürlich lebt der Film von der bravourösen Leistung von Elsabeth Moss, weshalb gerade die zahlreichen Szenen am intensivsten sind, in denen sie allein mit dem Unsichtbaren auf der Leinwand zu sehen ist.

Glücklicherweise gibt der Film viel Zeit für diese intimen Terrormomente, in denen man kaum zu atmen wagt. Doch auch die Szenen außerhalb der Wohnung sind effektiv und zeigen durchaus Wirkung: Erst sie machen den Schrecken allumfassend, da sie zeigen, dass auch Öffentlichkeit und offenes Gelände kein Garant für Sicherheit sind. Diese Verlagerung der Handlung vom Innern ins Außen nimmt zwar der Beklemmung der ersten Filmhälfte ein Teil ihrer Wirkung – und schießt gerade in einer Sequenz etwas übers Ziel hinaus – doch ist sie folgerichtig und für die Story maßgeblich. So bleibt der Film sich dadurch auch in der 2. Filmhälfte treu und opfert sich nicht zugunsten Action- und CGI-Einlagen, die er recht sparsam einsetzt.

Die Story ist zwar linear, schlägt aber einige überraschende Wendungen ein – was angesichts des Drehbuchautors und Regisseurs Leigh Whanell nicht überraschen sollte, der immerhin Klassiker wie Saw und Insidous schrieb. Er hat ein sicheres Händchen für gepflegten Terror mit und ohne Blut- und Gewaltorgien und legt mit Der Unsichtbare nun sein Bravourstück auch als Regisseur ab. Er konzentriert sich auf ein Psychoduell, das emotionale Tiefe bietet und das Original von 1932 geradezu perfekt modernisiert: Denn Der Unsichtbare ist auch ein Kampf einer Frau um Unversehrtheit und Freiheit, den sie gegen ihren übergriffigen und gewalttätigen Mann führt – ein hochaktueller, brisanter Stoff also. 

Man will sich gar nicht vorstellen, was uns entgangen wäre, wäre Universals ursprünglicher Plan aufgegangen, Der Unsichtbare als Teil eines geplanten Franchises namens Dark Universe zu verfilmen. Johnny Depp war bereits als Hauptdarsteller gesetzt, ein großer Rahmen ähnlich des Marvel-Universums für die Vereinigung aller klassischen Horrorstoffe, die das Studio in den 30er-Jahren produziert hat, war bereits gesteckt. Man kann fast von Glück reden, dass der erste FIlm aus diesem geplanten Franchise auch der letzte blieb: The Mummy mit Tom Cruise wurde nicht nur ein verheerender Flop, sondern auch einer der schlechtesten, missglücktesten Filme aller Zeiten,  für den sich sämtliche Beteiligten schämen müssen. Schnell stampfte man nach diesem Missgriff das ganze Franchise wieder ein, Depp verlor seinen Posten, sodass Der Unsichtbare nun als eigenständiger, düsterer und enorm spannender Psychohorror-Thriller möglich wurde – und zweifellos in der kleinen Oberklasse großartiger Horrorfilme rangiert. 

Alles richtig gemacht.

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