Filmkritik: Midsommar

Vergessen wir alle Klischees des Horrorkinos, denn in dem erstaunlichen Midsommar ist es die ganze Zeit taghell. Finsternis gibt es nur in den Seelen und Psychen der handelnden Personen, dem Unbestimmten tradierter Kulte, die offenbar vor der modernen Zivilisation entstanden und – aus welchem Grund auch immer – noch immer fortbestehen. Vielleicht, so kann man sich fragen, aus der Sehnsucht des modernen Menschen heraus, sich an Naturalistisch-Ursprüngliches zu klammern, das eine höhere Wahrheit verspricht als alle Errungenschaften der Neuzeit.  Oder geht es hier um etwas ganz Anderes? Midsommar ist eine besondere Art von Horror, die es so noch nicht gab im Kino, und allein das macht ihn schon sehenswert. Das macht diesen Film grandios, allerdings für die Masse eher untauglich. Glücklicherweise. 

Obwohl es die ganze Zeit also taghell ist, brummt und pocht das Abgründige die ganze Zeit bedrohlich von unten an die hellen, schönen Bilder – und zerrt an den Nerven eines zunehmend verunsicherten Publikums, das mit seinen Gefühlen und Gedanken weitgehend allein ist. Denn Midsommar verweigert sich den gängigen Horrorklischees, verzichtet auf die typischen Jump Scares, das übliche Setting von Musik und Sound, Kamera und Schnitt. Midsommar ist also eine Reise ins Unerwartete. Das ist mutig, aber auch ein effektiver Kunstgriff. Der Zuschauer wird selbst zu einer handelnden Person in diesem Treiben und muss sich wie die Protagonisten ein eigenes Bild von der Situation machen. Midsommar ist konkret genug und gibt alle Antworten, auch wenn die der Zuschauer häufig selbst erschließen muss, aber Zusammenreimen ist eben Pflicht bei diesem Film.  Vieles wird in den gezeigten Zeichnungen und Bildern gezeigt, angedeutet, beantwortet und vorweggenommen. Die eigentlichen Fragen sind eher: Wann passiert es? Wann ist vielleicht schon passiert? Und, noch weit bedrohlicher: Warum findet so etwas in einem westlichen, demokratischen, zivilisierten Land statt? Was treibt aufgeklärte Menschen dazu, mitmachen?

Blut ist dicker als Wasser, sagt der Volksmund. Hier ist Blut allerdings nicht die Familie, sondern die Abstammung an sich, das Brauchtum, die Tradition. Unhinterfragt wird sie zur tödlichen Gefahr, da sie alle erlernten und als selbstverständlich vorausgesetzten Regeln eines zivilisierten Lebens der Neuzeit negiert und außer Kraft setzt. 
Diese fundamentale Bedrohung spiegelt eine universale Bedrohung, die brandaktuell ist und gesellschaftspolitische Relevanz hat. 

Doch da ist noch etwas Anderes: Die Beziehungen der Personen untereinander. Deren gestörten Verhältnisse, deren Geheimnisse voreinander, die nach und nach ans Licht kommen. Im Grunde spielt keine der Hauptpersonen mit offenen Karten und trägt etwas mit sich herum, das sich, obwohl verborgen, auf die anderen auswirkt. Ist das skurrile Treiben am Ende vielleicht doch nur verzerrte Wiedergabe einer drogeninduzierten Wahrnehmung? Der skurrile Wunschtraum einer Befreiung aus dem Korsett einer unglücklichen Beziehung? Ist Midsommar vielleicht gar ein symbolisch aufgeladenes Drama über veraltete, verkrustete Geschlechterrollen?

Man muss sich einlassen auf diesen Film, dessen Bedrohungspotenzial von Anfang da ist, das sich jedoch nur langsam steigert. Man möchte gar nicht glauben, dass hier jemals Blut fließen könnte. Wenn es dann passiert, ist es wie ein Hammerschlag. Midsommar braucht diese Szenen letztlich, um uns vorzubereiten auf das, was der Film alles an Grausamkeit nicht zeigt, die jedoch passiert. Das innere Auge ist nach diesen kurzen Gore-Einlagen geschult genug, sich vorzustellen, was vor sich ging. Besser könnte man ein Filmpublikum nicht lenken. 

2,5 Stunden dauert es in der Kinofassung, bis man entlassen wird, keine Minute zu lang. Zeitgleich mit der Veröffentlichung auf DVD und Blu-ray war ein Director’s Cut mit 171 Minuten erhältlich, der innerhalb kürzester Zeit vergriffen war. Midsommar wurde und wird zu Recht als Meisterwerk gefeiert.

Kein Zweifel kann daran bestehen, dass man sich den Namen des Regisseurs merken sollte: Ari Aster. Der erregte bereits mit seinem Debütfilm Hereditary größtes Aufsehen, da er das Horrorkino auf eine andere Schiene setzte. Midsommar ist sein zweiter und noch weit besserer Film. Wenn sich der Mann so weitermacht, steht uns noch allerhand bevor. Im besten Sinne. 

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