Filmkritik: Parasite

Wer ist in Parasite eigentlich der Parasit? Ist es wirklich nur die Familie aus armen Verhältnissen, die sich clever ins Leben der reichen Oberschicht-Familie einnistet, um von deren Wohlstand zu profitieren? Oder ist es auch die reiche Oberschicht-Familie, die wie ein Parasit den Armen Wohlstand, Perspektive und Mitbestimmung wegfrisst? Ist es vielleicht sogar ein Denken und Lebensstil an sich, der sich wie ein Parasit in ewiger, kalter Gleichmacherei in Form von Kapitalismus und Ungleichheit durch die vormals unterschiedlichen Gesellschaften der Welt frisst?

Willkommen in der vielschichtigen Welt von Parasite, der grandiosen, beißenden Sozialsatire aus Südkorea, die 2019 weltweit wie eine Bombe einschlug, die Goldene Palme von Cannes ebenso gewann wie den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film und sogar den für den Besten Film – als erster nicht-englischsprachiger Film überhaupt. Was also ist dran an diesem südkoreanischen Film? Eins ist klar: Eine Menge!

Selten hat ein Film auf so vielen Ebenen funktioniert. Makellos inszeniert, ginge Parasite rein technisch und optisch als US-Hochglanz-Produktion durch, die mit viel Situationskomik und fiesen Späßen über 130 Minuten perfekt zu unterhalten weiß. Jede Pointe sitzt, jede Szene ist ein Treffer, jeder Spaß ist ein höllisches Vergnügen, das Timing ist sensationell, die Charaktere sind differenziert und in ständiger Entwicklung. Parasite ist permanent unvorhersehbar dank ständiger Wendungen und Twists. Niemals kann man sich sicher sein, das Kommende zu kennen oder auch nur zu ahnen. Das geht teilweise – ganz absichtlich – bis ins Absurde, denn Parasite hat gar nicht den Anspruch, eine realistische Story zu erzählen. Doch nichts ist hier unwahrscheinlich oder unglaubwürdig, vom genussvoll überspitzten Finale einmal abgesehen, in dem sich das Groteske Bahn bricht. 

Auf einer Sub-Ebene offenbart sich das ganze Toxische einer heutigen Gesellschaft, die in dieser Form eine westliche, parasitär ins Asiatische Lebensweise eingeführt und sie somit erfolgreich untergraben hat. Hier geht es um materielle Gier, egoistische Anschauungen, soziale Kälte, in der sich die unteren Schichten wehren und durchsetzen müssen, um nicht völlig unterzugehen. So kann der Unterschied zwischen der ramponierten Kellerwohnungs-Hölle und dem mondän-gestylten Vorstadtvillen-Himmel nicht größer sein – so ist nämlich die Laune in der armen Kellerwohnung deutlich besser, die Menschen lebendiger und aktiver als das gestylte Yuppie-Pärchen in ihrem Vorstadtpalast – eine gekonnte Spiegelung der Verhältnisse.

Das famose Drehbuch begeht nicht den Fehler, die dargestellten Figuren zugunsten oberflächlicher Rollenklischees zu opfern, im Gegenteil. Das gutsituierte Paar, in das sich die Familie einnistet, besteht nicht aus rein frustrierten, rein oberflächlichen oder rein konsumgesteuerten Zombies, die außer Ellenbogen und Standesdünkel nichts bieten: Sie sind stattdessen komplexe Figuren mit Emotionen, tiefergehenden Wünschen, und  menschlichen Brüchen, sodass man jede für sich sogar mögen kann – gespiegelt bedeutet das für die arme Unterschichtenfamilie, dass sie nicht einfach aus reiner Not handelt oder aus höheren Zielen – sondern eben auch aus Neid, Missgunst und materieller Gier. Denn ja, so vergnüglich ihre Einnistung auch ist, sie ist Unrecht, das aus recht niederen Ambitionen erfolgt.

Womit wir beim dritten Parasiten wären: Die Gier hat das Streben nach Glück ersetzt – Glück und Freiheit besteht nur noch in materiellem Reichtum, Teilhabe ist nicht mehr gesellschaftlich oder politisch, sondern eben materiell relevant. Und weil außer dem Konsum nichts Verbindendes herrscht, müssen sich die unterschiedlichen Schichten eines Tages in die Haare kriegen. Armut stinkt in diesem Film im wahrsten Sinne gegen den Wind: Die Oberschicht riecht sie und fragt sich hin und wieder, was denn hier so unangenehm stinken würde. Ein treffendes Leitmotiv, das die sozialen Spannungen durch soziale Unterwanderung und Auslöschung anderer Lebensentwürfe außer der westlich-kapitalistischen gekonnt auf den Punkt bringt. 

Nie war ein südkoreanischer Film erfolgreicher, nie waren die Lobeshymnen so groß und einhellig – Parasite scheint international einen Nerv getroffen zu haben und ist damit der Film der Stunde geworden. Regisseur Bong Joon Ho, der bereits mit seiner SF-Parabel Snowpiercer einen deutlich sozialkristischen Erfolg schuf, hat mit Parasite schon jetzt einen Klassiker der Filmgeschichte abgeliefert. Es wird spannend, was der Regisseur als nächstes hervorbringt. 

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