Filmkritik: Letzte Ausfahrt Brooklyn

Wer mit dem Film die Letzte Ausfahrt Brooklyn nimmt, landet in einem Höllenloch, in dem Hoffnung und Liebe rar gesät sind. Der Film zeigt so erschütternd wie überzeugend einen amerikanischen Albtraum aus Gewalt, Sex und Gier, in dem vulgär gebrüllt, wütend drauflosgeschlagen und gewissenlos ausgeraubt wird. Dabei weicht der Film in Teilen maßgeblich von der literarischen Vorlage von Hubert Selby ab und ist somit nicht ganz so rabiat wie das literarische Original – auch wenn man das angesichts der dargestellten Härten vor allem im letzten Viertel kaum glauben mag.

Doch so sehr diese Abweichungen der Filmversion auch viel Kritik einbrachten, so tun sie dem Film und damit dem Publikum gut. Sie ermöglichten eine stringente Erzählung um die beiden Hauptpersonen, der Prostituierten Tralala (Jennifer Jason Leigh) und dem Leiter eines Streikbüros Harry Black (Stephen Lang) – Selbys Vorlage bot stattdessen mehrere eigenständige Geschichten, die lediglich durch ihr Personal lose miteinander verbunden waren.  

Der Film Letzte Ausfahrt Brooklyn baut zudem eine kürzere Geschichte des Buchs erheblich aus, um dem Elend und dem Scheitern einen menschlichen, warmherzigen und teilweise gar erfrischend komischen Gegenpol entgegenzusetzen – damit hat der Film etwas, was das Buch der Leserschaft verweigerte: Hoffnung, die Fähigkeit der Liebe und familiärer Zusammenhalt. Das Buch kannte keine Gnade, kein Happyend. Hier zeigt der Film zumindest, dass beides zumindest denkbar ist in dieser Vorhölle.

Dass das Drehbuch von Desmond Nakano allerdings den im Buch als ausgemachten Widerling, Opportunisten und gewissenlosen Egoisten dargestellten Harry zum reinen Opfer seiner Triebe und damit der Gewalt macht, ist eine durchaus problematische Veränderung. Die Harry-Erzählung ist im Buch die mit Abstand längste, deren Vielschichtigkeit gerade auch bei den dargestellten Dragqueens im Film fast vollständig verloren geht – hier wäre eine differenziertere Ausarbeitung wünschenswert gewesen. Das Kalkül des Films unterscheidet sich somit von dem des Buches. Harrys furchtbarer Absturz ist im Film zwar noch schrecklicher, erzeugt aber weniger Emotionen und Mitleid – hier geht Selbys Vorlage durch die Verweigerung einfacher Anworten bei Weitem gnadenloser vor als der Film.

Dafür ist die Übertragung des Tralala-Charakters ebenso gelungen wie ihr Erzählstrang, in dem fast nichts aus der Vorlage verlorengeht, wenn man von ihren letzten Szenen absieht – denn hier entschärft der Film die Vorlage um einiges. Diese Entschärfung ist ein Segen: Denn so sehr der das Gezeigte auch schocken und ekeln mag, wäre die Umsetzung der geschriebenen, bei Weitem entsetzlicheren Geschichte wohl nicht zu ertragen gewesen. Dass Hubert Selby sein schockierendes Buch 1964 in den USA veröffentlichen konnte, mag einem fast wie ein Wunder erscheinen.

Der Film Letzte Ausfahrt Brooklyn ist ein immer noch gewagtes Sittengemälde einer gottlosen Gegend, in der lediglich der Stärkste gewinnt, und in dem das Leben zahlreiche Menschen überrollt, zurücklässt und zerbricht. Dabei geht der Film durchaus in die Vollen. 

Es war der deutsche Produzent Bernd Eichinger, der sich gemeinsam mit Regisseur Uli Edel 1989 an die filmische Umsetzung wagte. Das Gespann schockte bereits einige Jahr zuvor mit dem gnadenlosen Film Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo und ging auch bei Letzte Ausfahrt Brooklyn zielsicher an die Grenzen des Erträglichen, was sich US-Produzenten so nicht getraut hatten – weshalb Letzte Ausfahrt Brooklyn trotz US-Darstellern, Originalschauplätzen in Brooklyn und englischer Sprache ein deutscher Film wurde. Eichinger hatte in den 80er-Jahren mehrfach mit englischsprachig produzierten Filmen versucht, international erfolgreich zu sein. Letzte Ausfahrt Brooklyn reihte sich somit wie Die unendliche Geschichte und Der Name der Rose in groß budgetierte deutsche Filme mit internationalem Format ein. Dabei waren die 17 Millionen Dollar für Letzte Ausfahrt Brooklyn ein riskantes Unterfangen, denn es war klar, dass ein derart harter und sexualisierter Film niemals ein großer Kassenknüller werden konnte – ein Achtungserfolg wurde er allemal.

Einige Darsteller machten nach dem Film weiter Karriere: Neben Jennifer Jason-Leigh ist hier auch ein junger Sam Rockwell zu sehen, der 2018 den Oscar als bester Nebendarsteller in Three Billboards outside Ebbing, Missouri erhielt.

Regisseur Uli Edel übernahm später auch für diverse US-Serienproduktionen den Regiestuhl, blieb jedoch seiner deutschen Heimat treu, nachdem er in der zweifelhaften Erotik-Thriller-Produktion Body of Evidencemit Willem Dafoe und Madonna 1993 spektakulär sein Ticket in den US-Kinomarkt versieben musste. Auch Eichinger blieb er verbunden und führte Regie in Der Baader-Meinhof-Komplex.

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