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Filmkritik Eternals

Mit Eternals wurden die erfolgsverwöhnten Marvel-Studios schuldig, die Erwartungen der Fans enttäuscht zu haben. Filmisch gesehen ist das aber auch ein wahrer Glücksfall: Denn dieses über 2,5 Stunden lange Epos mit einem Handlungsbogen über Jahrtausende und einer neuen, andersartigen Schar an Heldinnen und Helden ist der epischste, emotionalste und erwachsenste aller bisherigen Marve-Filme. Eternals stellt das übliche Marvel-Konzept auf den Kopf, in dem die Devise galt, zunächst Superhelden einzeln zu etablieren, um sie schließlich mit den Avengers-Filmen zusammenzuführen und über 20 Filme lang eine gewaltige Storyline zu erzählen. Diese Ensemblefilme mussten sich nicht mit Charakterbildung aufhalten, sondern konnten ihren Reiz aus dem Zusammenspiel eingeführter Charaktere ziehen. Eternals macht es genau umgekehrt: Gleich in diesem ersten Film werden wir mit einer ganzen Handvoll neuer Figuren konfrontiert, die allesamt gleichzeitig eingeführt werden und zusammen interagieren müssen. Da Eternals sich nicht an das bisherige Marvel Cinematic Universe mit Spider-Man, Iron Man, Thor und Co. anlehnt sondern eine komplett neue Heldenschar einführt, ist der Film ideale Unterhaltung für alle, die mit Marvel sonst wenig bis gar nichts am Hut haben. Und macht dabei so ziemlich alles richtig – geht aber auch ein bedeutendes Wagnis ein, dazu später mehr.

In über 150 nie zu langen Minuten wird klar, dass die Eternals lediglich als Team funktionieren, da sie schon seit Jahrtausenden eine gemeinsame Mission und gemeinsame Herkunft haben. Sie als Einzelhelden in eigenen Filmen herauszuarbeiten wie es zuvor im MCU üblich war, wäre also sinnlos. Über einen langen Zeitraum sind die Personen zunächst damit beschäftigt, sich nach langer Zeit wiederzufinden und aufeinander einzustimmen. Dabei gilt es, an vergangene Freundschaften und Bündnisse anzuknüpfen und emotionalen Ballast abzuarbeiten, was deutlich nuancierter und erwachsener dargestellt wird als im MCU gängig. Die Marvel-typischen trockenen markigen Sprüche kommen seltener zum Einsatz – die den bisherigen Marvel-Filmen des MCU ermöglicht haben, jegliche Form menschlicher Tragik, Emotion oder Dramatik die Schärfe zu nehmen und gegen etwas Kumpelig-Hemdsärmliges zu tauschen. Bei Eternals sieht es genau anders herum aus. Hier ist die tiefe Menschlichkeit jederzeit spürbar, da alle Handlungen in erster Linie persönliche Konsequenzen bedeuten.

Das Drehbuch sieht mehr Dialoge zwischen erwachsenen, sogar weisen Wesen vor, die über Jahrtausende Erfahrung verfügen und die an ihrer Mission eher leiden – denn sie dürfen nicht in menschliche Konflikte wie Krieg und Zerstörung eingreifen. Dieses Verdammtsein zum Zusehen gibt den Figuren eine innere Tragik, die lichtjahreweit über alles hinausgeht, was man bislang in Marvel-Filmen zu sehen bekam – was für mehr menschliche Tiefe und Reife sorgt.

Neben der gemeinsamen Aufgabe, die zum Schluss in ein effektgeladenes Finale mündet, steht auch die Lüftung der auch ihnen unbekannten Herkunft. Insgesamt ist Eternals intimer und ruhiger als die anderen Marvel-Filme, und möchte man daraus einen Nachteil ziehen, so mag man ihn in Action-Szenen finden, die wesentlich zurückhaltender und mehr an die Charaktere gebunden sind. Das alles ist kurzweilig, unterhaltsam und in sich schlüssig, ist allerdings auch nicht so leichtfüßig und temporeich, wie man es von Marvel gewohnt ist.

Und dennoch ist klar, dass man in nur einem Film nicht so viel über die Charaktere erfährt wie in jeweiligen Einzelfilmen – und auch wenn es in Eternals selbst richtig umgesetzt wird, verlangen die Marvel-Fans natürlich mehr.  Die Frage ist hier jedoch: Mehr wovon? Auch dazu später mehr.

Regie führte diesmal Chloé Zhao, die für ihr grandioses Filmdrama Nomadland den Oscar für die beste Regie erhielt – und auch wenn Eternals erzählerisch wie strukturell keine allzu großen Möglichkeiten lässt, erkennt man ihre Handschrift an zahlreichen richtigen Entscheidungen. So lässt sie sich mit der opulenten Filmdauer genug Zeit, alle Fäden ohne Hektik und Wirrwarr in der Hand zu behalten. Die Jahrtausende alten Charaktere stehen im krassen Gegensatz zu den meist jungen männlichen Helden des MCU, die entweder noch in ihrer Adoleszenz stecken, diese gerade erst hinter sich gebracht haben oder sich sonstwie als Außenseiter durchs Leben schlagen müssen (selbst Thor ist auf der Erde ein blutiger Anfänger). So bieten die Eternals also kein Identifikationspotenzial mehr für ein Publikum, dem die gängigen Superhelden Vorbilder und Projektionsfläche sind – womit wir bei dem Wagnis sind, die Eternals eingeht, und damit auch bei dem Problem des Films: 

DieMarvel-Fans, die eine Erzählung über Charaktere sehen wollten, mit denen sie sich identifizieren konnten, wie sie es aus den bisherigen Filmen kannten: Lustig, frisch, immer einen luftigen Buddy-Spruch auf den Lippen. Genau das lieferte ihnen Eternals diesmal nicht, sondern stellte thematisch und stilistisch etwas Neues, Eigenständiges auf die Beine. Die Charaktere haben keine alltäglichen Probleme und erscheinen in ihrer Gottgleichheit erheblich abgehobener als von Marvel erwartet. Sie schleppen Tragödien mit sich herum, alles erscheint düsterer, ernster. 

Auch, dass sie nicht gemeinsam mit den Avengers kämpften und von denen sogar mehr oder weniger unerwähnt blieben, bemängelten eingefleischte Marvel-Fans.

Schließlich liegt dem Film eine relativ unbekannte, relativ erfolglose kleine Comic-Reihe zugrunde, die von sich aus nicht genügend Kraft hatte, die Massen in die Kinos zu locken.

Ohne das Marvel-Etikett wäre der Film möglicherweise ein weit größerer Erfolg geworden und hätte weniger Wut und Häme auf sich gezogen.

Denn die Kritik an Eternals brachte leider auch eine unschöne Seite des Marvel-Fandoms deutlicher zutage als bisher: In Teilen driftete der Unmut in offenen Sexismus ab, da mit Zhao eine Frau Regie geführt hatte. Die deutlich sichtbare Diversität der Eternals wurde so einfältig wie wüst als woke, zu links und zu gutmenschlich attackiert. Der erste schwule Kuss im Marvel-Universum wurde Grund von Anfeindungen. 

Was sich hier zeigte, war eine zutiefst intolerante, böswillige, gar hasserfüllte Seite, die sich – leider, muss man sagen – vor allem aus Männern jeden Alters zusammensetzte, die ungebremst Sexismus, Rassismus und Homophobie an den Tag legten und offenen Hass zeigten.

Ausmaß und Heftigkeit sind erschreckend und werfen die Frage auf, wie weit verbreitet diese Tendenzen sind. 

Dazu passt, dass Eternals gerade wegen des Kusses und der Darstellung von Diversität in einigen Ländern zensiert oder gleich ganz verboten wurde; dass Teile des Marvel-Fandoms aus demokratischen Ländern ins gleiche Horn stießen, ist so bedenklich wie traurig.

In Nordamerika wurde Eternals mit einem desaströren Einspielergebnis von nur knapp über 160 Millionen Dollar zu einem handfesten Flop, auch weltweit hat er mit knapp über 400 Millionen Dollar beängstigend wenig umgesetzt und gilt als unbeliebtester Marvel-Film überhaupt. Das alles hat dieser wunderbare und wunderbar erzählte Film nicht verdient. 

Zu sehen ist er nun auf Disney+ und wartet darauf, geliebt zu werden.

Eternals
Marvel Studios, Disney
Regie: Chloé Zhao
Mit: Gemma Chan, Richard Madden, Kumail Nanjiani, Lia McHugh, Brian Tyree Henry, Lauren Ridloff, Barry Keoghan, Don Lee, Kit Harington, Salma Hayek, Angelina Jolie
157 Minuten

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